Rhein-Pfalz-Kreis – Vor 75 Jahren: (Wieder-)Gründung des SPD-Ortsvereins Mutterstadt

Gleich zwei Jubiläumstermine stehen in diesem Jahr bei der Mutterstadter SPD an. Im Winter 1871, also vor 150 Jahren, wurde hier als Vorläufer der heutigen SPD eine örtliche Organisation des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) gegründet und Johann Adam Schmalbach zum Vorsitzenden gewählt. Es war der dritte Ortsverein, der von dieser Organisation in der Pfalz gegründet wurde; Mutterstadt gehört also zur Keimzelle der pfälzischen Sozialdemokratie. Vor 75 Jahren erfolgte die Wiedergründung des SPD-Ortsvereins, der 1933 vom NS-Regime verboten und aufgelöst worden war. Am 06.02.1946 genehmigte die französische Militärregierung die Gründung sozialdemokratischer Parteien in Hessen-Pfalz. Schon vor der offiziellen Existenz eines Ortsvereins hatten sich in Mutterstadt die „ihrer Gesinnung treu gebliebenen Genossen“ schon zu internen Gesprächen über die Gestaltung der politischen Zukunft im Ort getroffen und zwar meistens im Gasthaus „Zur Linde“, das von Heinrich Hartmann geführt wurde.
Am Sonntag, dem 10 März 1946, war es dann soweit: Nachmittags um 15 Uhr fand im großen Saal im Wirtshaus „Zum Ochsen“ diese Gründungsversammlung statt (Der Saal wurde bis Mitte der 1950erJahren als Veranstaltungsraum genutzt; hier fanden weitere Vereinsgründungen, Gemeinderatssitzungen und politische Veranstaltungen statt).

 

Die erste Sitzung des neuen OV wurde geleitet von Oskar Vongerichten, der vor 1933 dem SPD-Bezirksvorstand angehörte. Nach Schilderungen von Zeitzeugen waren es damals bewegende Momente, als man sich nach 12 Jahren Furcht und Verfolgung wieder öffentlich treffen, diskutieren, seine Meinung sagen konnte. In die Vorstandschaft gewählt wurden auch Friedrich Börstler, Ludwig Kaufmann, Johannes Kautz, Josef Köhler und Willi Weber, die, neben weiteren SPD- (Reichsbanner/Eiserne Front) und Gewerkschaftsmitgliedern, auf Grund ihrer politischen Aktivitäten 1933 vom NS-Regime verhaftet und im Gefängnis oder im KZ Neustadt waren.Trotzdem agierten diese Genossen unter ständiger Lebensgefahr weiter illegal im Untergrund für die verbotene SPD und die „Sozialistische Aktion“.

Zum ersten Vorsitzenden wurde Heinrich Hartmann gewählt, der nach Kriegsende von der Besatzungsmacht, weil „unbelastet“, als Bürgermeister eingesetzt worden war. Hartmann war Redakteur der 1933 verbotenen Ludwigshafener SPD-Zeitung „Pfälzische Post“ und kurzfristig auch in Schutzhaft. Nach den Gemeinderatswahlen im September 1946 führte er, dann demokratisch legitimiert, das Amt weiter. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass sich die SPD gemäß der Order der französischen Militärregierung 1946 eigentlich nur als „SP“ hätte bezeichnen dürfen. Dies ignorierten aber die Mutterstadter. Auf dem Stimmzettel und im Gemeinderatsprotokoll steht SPD. In dem neuen Vorstand tätig war auch Friedrich Profit, der spätere SPD-Bezirksvorsitzende, der nach dem Krieg einige Zeit in Mutterstadt wohnte. Zu den vordringlichsten Aufgaben, die es damals von der SPD und den anderen demokratischen Kräften im Ort zu bewältigen gab, zählten die Beschaffung von Nahrungsmitteln, die Sicherstellung des Heizmaterials, die Beseitigung der Kriegsschäden und damit der Behebung der Wohnungsnot sowie den Neuaufbau des Schulwesens. 1947 übernahm dann August Kropp, ebenfalls noch einer der „alten Kämpfer“, bis 1952 den Vorsitz der Mutterstadter SPD.

In der Folgezeit verstand es die Mutterstadter SPD, insbesondere in den 1960er Jahren mit Bürgermeister Hermann Belzner (der auch Landtagsabgeordneter und AWO-Bezirksvorsitzender war), Mitglieder und vor allem Wähler aus bis dahin der SPD eher reserviert gegenüberstehenden Bevölkerungskreisen (z.B. Handwerk, Einzelhandel, Landwirtschaft, Freiberufler) zu gewinnen, was zu Wahlerfolgen (in drei Legislaturperioden mit absoluten Mehrheiten) führte. Diese Politik wurde auch unter den Ehrenvorsitzenden Otto Reimer und Harry Ledig sowie dem langjährigen Fraktionsvorsitzenden Günter Klein erfolgreich fortgesetzt. Der Ortsverein war und ist in den vergangenen 75 Jahren neben dem Schwerpunktthema Kommunalpolitik auch mit öffentlichen Veranstaltungen und Aktionen außerhalb des politischen Spektrums im Ort präsent; es gab „Bunte Abende“, dann ab den 1980er Jahren Mehrtagesfahrten, Jazz-Frühschoppen, Frühlings-, Herbst- und Benefizbälle, die Tagestouren „Mutterstadt Pedal“ oder die Teilnahme am Fastnachtsumzug. In den 1980/1990er Jahren hatte der OV fast 300 Mitglieder. Weit über Mutterstadt hinaus bekannt ist das alljährlich stattfindende zweitägige Maifest, mit dem die SPD seit über 100 Jahren traditionell die Mutterstadter Waldfest-Saison eröffnet. Zu dieser Veranstaltung, eine der größten Maiveranstaltungen in der Pfalz, traten auch schon dreimal SPD-Bundesvorsitzende als Redner auf. 2000 wurde der OV mit der Durchführung des SPD-Landesparteitages im Palatinum beauftragt. Neben den Delegierten aus ganz Rheinland-Pfalz nahmen auch der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, Bundesminister a.D. Rudolf Scharping sowie Ministerpräsident a.D.Kurt Beck daran teil.

Zwölf Vorsitzende standen in diesen vergangenen 75 Jahren an der Spitze des OV. Aktuell ist das der 49jährige Dipl. Betriebswirt Thorsten Leva, in Personalunion auch Fraktionsvorsitzender.
Leva zur Situation des Ortsvereins heute: „Die Mutterstadter SPD hat in den vergangenen 75 Jahren durch die von ihr gestellten Bürgermeister, Beigeordneten, Rats- und Ausschussmitglieder die Entwicklung und das heutige Bild von Mutterstadt ganz entscheidend mitgeprägt. Dafür gebührt allen früheren und jetzigen Aktiven unserer Partei, auch den vielen Freunden und Helfern, unser Dank und unsere Hochachtung, insbesondere den Gründungsmitgliedern. Der OV ist einer der mitgliederstärksten im Rhein-Pfalz-Kreis und stellt mit Hans-Dieter Schneider den Bürgermeister sowie den SPD-Fraktionsvorsitzenden im Kreistag. Zudem mit Isabel Schneider und Julia Troubal zwei weitere Kreistagsmitglieder. Hannelore Klamm hat als frühere Landtagsabgeordnete und Landtagsvizepräsidentin die positive Entwicklung unserer Gemeinde mit befördert. Seit 2009 ist die SPD wieder stärkste Fraktion im Gemeinderat und sucht stetig den Dialog zu den Bürger*innen, um deren Interessen in Gremienentscheidungen noch stärker einfließen zu lassen. Alle sonstigen Aktivitäten sind seit dem Frühjahr 2020 der Corona-Pandemie zum Opfer gefallen“.

Text
Volker Schläfer, Ortschronist und als SPD-Mitglied die Entwicklung des Ortsvereins miterlebt und mitgestaltet (früher stellvertr. Vorsitzender, Beisitzer, Schriftführer, Veranstaltungs- und Organisationsleiter, Kreistagsmitglied).

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