Speyer – Weihnachtskrippen in der Pfalz: Interview mit Heidelberger Journalist und Autor Helmuth Bischoff

Interview: Franka Wolf/Foto: Krippe in der Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Oggersheim, Fotograf: Norman P. Krauß

Speyer/ Metropolregion Rhein-Neckar(red/ak) – Aufwändig gestaltete Landschaften, ausdrucksstarke Figuren und kunstvolle Szenerien: Zahlreiche historisch sowie künstlerisch wertvolle Krippenlandschaften schmücken in der Weihnachtszeit die Pfalz. Der Heidelberger Journalist und Autor Helmuth Bischoff kennt sie alle und gibt in seinem Buch „Weihnachtskrippen in der Pfalz“ einen Überblick über die seiner Meinung nach schönsten Exemplare, die die Region zu bieten hat. Mit uns hat er über drei seiner liebsten Krippen gesprochen, die in der Weihnachtszeit einen Ausflug mit der ganzen Familie wert sind.


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1. Die Krippe in der Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt in Oggersheim

Was macht diese Krippe für Sie so besonders?

„Die Weihnachtskrippe in der Schlosskirche in Oggersheim ist schon alleine wegen ihres schönen Rahmens sehenswert. Die Kirche stammt aus dem 18. Jahrhundert und wurde über eine schon vorher bestehende Kapelle gebaut, in der bis heute eine wirklich bezaubernde Skulptur einer schwarzen Madonna zu sehen ist. Diese Madonna ist übrigens die Schutzheilige der Kurpfalz, die Oggersheim zu einem Wallfahrtsort gemacht hat. Die Krippe selbst stammt von dem sehr bekannten bayerischen Krippenbauer Schnitzer Ludwig und wurde Mitte des 19. Jahrhunderts wohl von den Franziskanern mitgebracht, die hier einen Ordenssitz haben bzw. ein Kloster bewohnen.“

Und seit dieser Zeit ist die Krippe bereits in Oggersheim zu sehen?

„Nein, tatsächlich mit Unterbrechungen, weil die Krippe mit der Zeit in Oggersheim mehr und mehr vernachlässigt wurde und schlussendlich auf dem Speicher des Klosters landete. Dafür erlebte sie eine wirklich schöne Rettungsgeschichte: Erst Anfang der 1980er Jahre wurde sie von einem heimatkundlichen Arbeitskreis wiederentdeckt, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte, heimatliches Kulturgut aufzuspüren und zu schützen. Die Mitglieder hörten von dem ‚Krippsche‘, wie man in Oggersheim dazu sagte, machten sich auf die Suche und wurden schließlich auf dem Klosterspeicher fündig. Um herauszufinden, womit genau sie es zu tun hatten, ließen sie die Krippe von Spezialisten des Bayerischen Nationalmuseums überprüfen. Die dortigen Experten bescheinigten den Oggersheimern, dass sie eine sehr, sehr wertvolle Krippe besitzen. In der Folge wurde sie restauriert, wieder ausgestellt und ist bis heute zu sehen.“

Wie würden Sie die Szenerie der Krippe beschreiben?

„Mit etwa 12 Quadratmetern ist sie recht groß, hat aber auch entsprechend viel zu bieten: Besucher können hier verschiedene Szenen betrachten wie etwa den Kindermord von Bethlehem oder die Hochzeit von Kana. Die Figuren selbst sind mit 150 Jahren schon sehr alt und wirken recht naiv in ihren Gesichtsausdrücken, was ihnen aber etwas, wie ich finde, Anrührendes und Faszinierendes verleiht. Die Krippe gehört auf jeden Fall zu den kunsthistorisch wertvollsten in der ganzen Pfalz und hat eine unheimliche Intensität, die einen verzaubert, wenn man davorsteht. Hinzu kommt, dass sie außergewöhnlich lange ausgestellt ist: nämlich bis Ende März.“

2. Die Krippe in der Deidesheimer St. Ulrich-Kirche

Was ist das Besondere an der Krippe in Deidesheim?

„Die Weihnachtskrippe in der Deidesheimer St. Ulrich-Kirche ist die älteste Krippe der Pfalz und stammt aus der Werkstatt des sehr berühmten Krippenbauers Sebastian Osterrieder. Sie wurde im Jahr 1912 nach Deidesheim geliefert und erstmals dort ausgestellt. Wer sich diese Krippe anschaut, lernt die Arbeit eines wirklich famosen Krippenbauers kennen: Osterrieder war akademischer Bildhauer und hatte sich über die Jahre einen Ruf weit über die deutschen Grenzen hinaus gemacht, nicht nur als Krippenbauer, sondern auch als Wiederentdecker der Weihnachtskrippe, die durch die Kirchenstürme zu Zeiten Napoleons in Richtung Bedeutungslosigkeit verdrängt worden war. Erst mit Osterrieder hat die Weihnachtskrippe langsam wieder einen Aufschwung erlebt.“

Woran erkennt man eine typische Osterrieder-Krippe?

„Im Gegensatz zu Krippenschnitzern hat Osterrieder seinen Figuren eine wunderbare Plastizität verliehen. Das gelang ihm durch eine besondere Rezeptur aus Gips, Hasenleim und Champagnerkreide, die er selbst als französischen Hartguss bezeichnete. Seine Figuren waren zunächst nackt und wurden anschließend mit in Leim getunkten Stoffen angekleidet. Neben ihrem natürlichen und plastischen Erscheinungsbild sind sie zudem sehr feingliedrig: Hier sind die winzigsten Details sichtbar wie Fingerglieder, Sehnen, Adern oder Gesichtszüge. Damit sie besonders beweglich werden, hat Osterrieder seine Figuren mit Drähten durchzogen. So können Besucher etwa einen Hirten beobachten, der sich nach unten beugt oder ein Lamm auf dem Arm hält. Das finde ich wirklich sehenswert. Ein kleines Detail, was mich bei dieser Krippe zum Schmunzeln gebracht hat: Sogar der typische Deidesheimer Geißbock wurde in die Weihnachtskrippe integriert, er stammt aber natürlich nicht von Sebastian Osterrieder.“

3. Die Krippe in der Kirche St. Leo in Schaidt

Warum haben Sie die Weihnachtskrippe in Schaidt in Ihr Buch mit aufgenommen?

„Zu Schaidt habe ich eine persönliche Verbindung, weil ich in dem südpfälzischen Örtchen in den 60er Jahren aufgewachsen bin. Als Kind habe ich die Krippe erlebt und nach wie vor viele schöne und warmherzige Erinnerungen daran. Als ich sie jetzt wiedergesehen habe, war ich überwältigt, wie prächtig sie inszeniert ist. Die riesige Krippenlandschaft steht in einem ehemaligen Altarraum auf mehr als 50 Quadratmetern, mit einem großen Landschaftsbild aus Bergen, Auen, Bächen und einem kleinen Teich. Davor befindet sich ein alpenländischer Stall und auch die Figuren haben ein alpenländisches Antlitz. Im Gegensatz zu orientalischen Krippen sind bei alpenländischen Exemplaren auch mal Burgen, Schlösser oder Torbögen und grüne Wiesen statt einer kahlen Wüstenlandschaft zu sehen. Das ist bei der Krippe in Schaidt sehr auffallend.“

Was ist für Sie das Besondere, wenn man vor der Krippe in Schaidt steht?

„Die Größe der Krippenlandschaft ist schon außergewöhnlich. Wer davorsteht, erkennt sofort, mit wie viel Hingabe sie gestaltet wurde. Was in diesem Jahr etwas schade ist: Coronabedingt ist aktuell leider nur die verkleinerte Form der Weihnachtskrippe aufgebaut. Ich hoffe natürlich, dass im nächsten und in den Folgejahren dann wieder die große Krippenlandschaft zu sehen sein wird, die den ganzen Altarraum einnimmt und eine noch gewaltigere und faszinierendere Wirkung auf die Gäste hat. Dann werden sicher auch wieder Busse vom Elsass nach Schaidt fahren, die in der Vorweihnachtszeit regelmäßig Besucherströme in den kleinen Ort bringen, damit sie die tolle Krippenlandschaft bewundern können.“

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