Mannheim – Die Sportvereine im Blick: Vereinsbefragung in Corona-Zeiten

        Mannheim / Heidelberg / Karlsruhe
        Kurz nach dem ersten Lockdown im April 2020 wandte sich der Sportkreis Mannheim mit einer Befragung unter dem Motto “Wo drückt der Schuh zu Corona-Zeiten?” an seine Vereine. Es wurden aus den Befragungsergebnissen passgenaue Hilfen, Maßnahmen und Informationen abgeleitet und initiiert. Inzwischen ist ein Jahr vergangen, die Situation hat sich verändert, in vielerlei Hinsicht auch verschärft und der Sportbetrieb liegt seit Monaten mehr oder weniger brach. Dies war im Mai 2021
        Anlass für den Sportkreis Mannheim, die Befragung zu wiederholen. Mit den aktualisierten Informationen sollen die Anliegen und Probleme der Vereine identifiziert und modifizierte Handlungsbedarfe erkannt werden.
        Von den 447 zum Sportkreis Mannheim gehörenden Vereinen nahm rund ein Viertel an der Umfrage teil. Es waren darunter etliche sehr kleine Vereine mit deutlich weniger als einhundert Mitgliedern (der kleinste Verein gab 11 Mitglieder an), es beteiligten sich aber auch viele sehr große Vereine (6073 Mitglieder im größten Verein). Das gesamte Einzugsgebiet des Sportkreises von Weinheim über Mannheim bis Hockenheim und Schwetzingen war vertreten.
        Zusammenfassend kann gesagt werden, dass sich inzwischen ein gutes Viertel der befragten Vereine als in der Existenz gefährdet beschreibt. Bei der letztjährigen Befragung waren dies nur rund neun Prozent gewesen. Drängendste Probleme sind für fast alle befragten Vereine neben der angespannten wirtschaftlichen Situation der über Monate andauernde ruhende Sportbetrieb mit allen daraus resultierenden Folgen (Mitgliederschwund, mangelnde Trainingsmöglichkeiten für
        Leistungssportler, fehlendes soziales Miteinander, usw.) sowie die Unsicherheit bis hin zur Perspektivlosigkeit durch sich ständig ändernde, widersprechende und unklare Verordnungen.
        Ein Blick auf die Zahlen
        Die Vereinsbefragung bestätigte die schon im vergangenen Jahr getroffene Erkenntnis, dass ein differenzierter Blick notwendig ist. Die Situation im Einzelverein kann nur fallbezogen bewertet werden und hängt von unterschiedlichen Faktoren ab: Wo Vereine im Kurssystem arbeiten oder Reha-Maßnahmen über Verordnungen abgerechnet werden, sind die Einbußen vergleichsweise deutlich höher als in Vereinen, die für die Ausübung der Sportart nur ein geringes Equipment
        benötigen und über Jahresabbuchungen den Beitrag einziehen. Entscheidend ist auch, ob ein Verein
        eigene Sportstätten unterhält, in welchem Zustand sich diese befinden und ob der Verein eine Vielzahl an hauptamtlich Beschäftigten hat.
        Rund 70% der Vereine beschrieben gravierende Einnahmeeinbußen durch den Wegfall von Sponsoren und Werbegeldern und von Vermietungseinnahmen sowie den Ausfall von Schulungen und Kursen sowie ausfallende Veranstaltungen und Ruhen des Wettkampf- und Ligabetriebs.
        Beziffert wurden diese sehr unterschiedlich im Einzelfall von rund 1.000 Euro bis hin zu 50.000 Euro.
        Drei Viertel der befragten Vereine verzeichnete einen Mitgliederrückgang, der insbesondere durch fehlende Neueintritte begründet ist. In rund 25% der Vereine behielten Mitglieder aufgrund des fehlenden Sportangebots die Beiträge ein.
        Vereinsevents mussten von über 90% der Vereine abgesagt werden, sei es Vereinsjubiläen, Ehrungsveranstaltungen, Turniere, Showveranstaltungen, Versammlungen, Teilnahme an Stadtteilveranstaltungen und Vieles mehr. Neben den damit verbundenen gravierenden Einnahmeeinbußen beschrieben zahlreiche Vereine die dadurch fehlende öffentlichkeitswirksame
        Darstellungsmöglichkeit des Vereinslebens und die somit ausbleibende Möglichkeit der
        Mitgliederwerbung und -gewinnung.
        In rund der Hälfte der Vereine wurde im Laufe des zurückliegenden Jahres auf die Pandemiesituation reagiert und neue oder alternative Angebote entwickelt. Auch hier ist ein differenzierter Blick auf das ursprüngliche Sportangebot des Einzelvereins nötig, denn nicht jede Sportart kann gleichermaßen gut in ein virtuelles Sportprogramm transponiert werden. 70% der Vereine gab an, Online-Training angeboten oder den Kontakt zu den Mitgliedern auf digitalem Weg intensiviert zu haben. Gut die Hälfte dieser Vereine beschrieb aber auch die damit verbundenen Schwierigkeiten, da viele Sportarten auf die persönliche Begegnung angewiesen sind und insbesondere im Jugendbereich eine
        deutliche Abnahme der Motivation und Teilnahmebereitschaft der Sportlerinnen und Sportler zu
        verzeichnen war.
        In etwa 70% der Vereine musste im Laufe des vergangenen Jahres Personal entlassen werden. 10% der befragten Vereine nutzte die Möglichkeit der Kurzarbeit. Zahlreiche Vereine versuchten ihre Mitarbeiter durch den Einsatz in anderen Beschäftigungsfeldern zu halten und zu unterstützen.
        Ca. 30% der Vereine gab an, Unterstützungsleistungen in Anspruch genommen zu haben wie bspw. Mietnachlässe, Corona-Prämienprogramme (bspw. PORSCHE), L-Bank-Kredite, Kurzarbeitergelder, Soforthilfen durch Bund und Land oder Stiftungsgelder bspw. der Hopp-Foundation.
        Ein Blick hinter die Zahlen
        Zahlreiche Vereinsverantwortliche nutzten die Befragung, ihren Unmut über das herrschende Regelungschaos zu äußern. Die Ehrenamtlichen vor Ort kommen an ihre Belastungsgrenzen, wenn es darum geht, die sich ständig ändernden Verordnungen selbst zu verstehen, den Mitgliedern verständlich zu machen und ihnen gegenüber, die daraus abzuleitenden Maßnahmen zu begründen.
        Neben bspw. immensen Druckkosten und Aufwand für immer wieder neue Aushänge und Mitteilungen ist vor allem ein hohes Maß an Zeit erforderlich, Überzeugungsarbeit vor Ort zu leisten – sei es gegenüber den Übungsleitern, den Sportlern aber auch gegenüber den Sponsoren. Wie dieser Arbeitsaufwand neben einer Berufstätigkeit möglich sein kann, wird oftmals hinterfragt. Der bereits erhöhte Zeitaufwand für die Hygiene- und Verwaltungsmaßnahmen durch Übungsleiter und
        Helfer pro gehaltener Übungsstunde steht darüber hinaus kaum mehr in einem vertretbaren Verhältnis.
        Etliche Vereinsverantwortliche erwägen, sich aus der Ehrenamtsarbeit zurückzuziehen, da ein
        Umgang mit der derzeitigen Perspektivlosigkeit ihnen immer schwerer fällt. Die wöchentlich
        wiederkehrenden Fragen der Vereinsmitglieder, wann der Sportbetrieb wieder aufgenommen werden
        kann, zerrt an den Nerven und zehrt an den Kräften. Sponsoren können nur sehr verhalten um
        Unterstützung angefragt werden, da nicht klar ist, wann und unter welchen Bedingungen der
        Wettbewerbsbetrieb anlaufen wird.
        Als große Problematik stellt sich in der Metropolregion die Tatsache dar, dass Regelungen in Landesverantwortung erlassen werden. Nicht alles, was in Hessen oder Rheinland-Pfalz möglich ist, ist auch in Baden-Württemberg erlaubt. Dies beginnt bei den Bedingungen für das Training, wenn bspw. eine Ruder-Trainingsgemeinschaft aus Mannheim und Ludwigshafen nicht mehr unter denselben Regelungen trainieren darf. Es erstreckt sich aber weit bis in den Wettbewerbsbetrieb hinein. Während in Hessen Ende Mai der Kontaktsport bereits ohne Einschränkungen erlaubt war
        und sich bspw. Ringer damit intensiv auf die anstehenden Deutschen Meisterschaften in allen Altersklassen vorbereiten konnten, befand sich Baden-Württemberg noch im Kontaktsportverbot und Training war unmöglich. Neben der damit einhergehenden Wettbewerbsverzerrung fragen die Vereinsvorsitzenden der Ringervereine zu Recht, was Jugendliche davon abhalten sollte, im benachbarten hessischen Viernheim zu trainieren und den badischen Heimatverein zu verlassen.
        Neben dem Mitgliederverlust wird auch die Veränderung der Altersstruktur in den Vereinen thematisiert. Fehlende Neueintritte sind vor allem im Kinder- und Jugendbereich zu verzeichnen, da Angebote der Kindersport- und schwimmschulen nicht unterbreitet werden können und Jugendtraining langfristig ausfällt oder nur online angeboten werden kann.
        Große Sorge äußern die Vereinsverantwortlichen über die Folgen des sportlichen Lockdown insbesondere für die Kinder und Jugendlichen in Bezug auf die körperliche Gesundheit und die psychische Verfassung, aber auch die Folgen der Aussetzung des Reha-, Gesundheits- und Seniorensports werden vielfach kritisch angesprochen. Immer wieder wird die Frage gestellt, wie die Wiederaufnahme des Trainingsbetriebs gelingen kann, auf welchem Fitnesslevel die Mitglieder
        zurückkehren und ob damit vielleicht ein erhöhtes Verletzungsrisiko einhergeht. Ob überhaupt alle (ehemaligen) Mitglieder zu einer Rückkehr in den Vereinssportbetrieb gewonnen werden können, ist darüber hinaus fraglich.
        Das soziale Miteinander in den Vereinen leidet durch die eingeschränkten Begegnungsmöglichkeiten massiv. Viele Vereinsverantwortliche äußern die Bitte, dass die Bekenntnisse zu den Werten des Sports keine Lippenbekenntnisse bleiben, sondern dem Vereinssport die gemeinwohlorientierte Bedeutung zugestanden und Verantwortung übertragen wird, die ihm zusteht.
        Ein Blick in die Zukunft
        Die Vorstandschaft im Sportkreis Mannheim ist sehr dankbar, dass viele Vereinsverantwortliche Zeit und Mühe investiert haben, im Rahmen der Befragung die Situation vor Ort ausführlich zu schildern. So ist es möglich, Handlungsbedarfe und nächste Schritte konkret abzuleiten. Besonders erfreulich ist die breite Zustimmung zur bisherigen zeitnahen Informations- und Beratungspraxis über die unterschiedlichen Medien des Sportkreises aber immer wieder auch im persönlichen Gespräch.
        Diesen eingeschlagenen Weg gilt es weiter zu beschreiten und den Vereinen schnell Informationen, aber auch Auslegungs- und Umsetzungshinweise zur Verfügung zu stellen.Es zeichnet sich schon heute ab, dass der Sportverein im kommenden Jahrzehnt anders aussehen wird als heute. Megatrends in Bezug auf die Digitalisierung, Individualisierung, Mobilität oder Neues Arbeiten wurden durch die Pandemie beschleunigt und es ist abzusehen, dass sich die
        Vereinslandschaft gravierend verändern wird. Der Sportkreis Mannheim möchte diesen Weg gemeinsam mit den Vereinen konstruktiv beschreiten. Dabei gilt es, Chancen in den Mittelpunkt zu stellen und Maßnahmen zu definieren, die bereits heute ergriffen werden können, um morgen als Verein gut aufgestellt zu sein.
        In einem ersten Schritt wird der Sportkreis die Vereine, die in Kürze im Rahmen des SportVEREINtgegen-Corona-Preises ausgezeichnet werden, bitten, beispielgebend über ihre Ideen und Projekte zu berichten – aus diesen Best-Practise-Beispielen können andere Vereine sicherlich Elemente auf ihre je eigene Situation übertragen. Dies soll mittelfristig in einen Zukunftsworkshop übertragen werden, in dem der Austausch zwischen den Vereinen initiiert und intensiviert wird.
        Im Herbst soll der Arbeitsschwerpunkt des Sportkreises auf dem Themenfeld der Mitgliedergewinnung und der Öffentlichkeitsarbeit liegen. Mit gezielten Aktionen und Informationen sollen die Vereine hierbei unterstützt werden. Darüber hinaus wird im Laufe des kommenden Jahres der Sportkreis versuchen, wirtschaftliche Problemlagen aus den Vereinen klären zu helfen. Es ist angedacht, die aus der Umfrage vorliegenden konkreten Fragestellungen bspw. mit einer Unternehmensberatung beispielgebend zu diskutieren und die Lösungsansätze den Vereinen dann
        zur Verfügung zu stellen.
        Wichtigstes Anliegen der kommenden Zeit wird neben der Netzwerkarbeit sein, Motivation zu schaffen, das Bild der Vereinszukunft wieder positiver zu zeichnen und den kleinen wie den großen Vereinen je eigene Tools und Informationen mit auf den Weg zu geben, die vor Ort als hilfreich und nachhaltig empfunden werden.


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          Mutterstadt geht bei Digitalisierung der Grundschulen voran

        Quelle Sportkreis Mannheim

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