Mannheim – Verleihung des Bertha-und-Carl-Benz-Preises an die saudi-arabische Frauenrechtlerin Loujain AlHathloul


        Mannheim / Metropolregion Rhein-Neckar.
        Sichtbarkeit für eine Pionierin
        „Mit ihrem Grundverständnis, dass Mobilität ein selbstverständlicher Teil menschlicher Freiheit ist und demzufolge allen Menschen ohne Ansehen des Geschlechts gleichermaßen zu gewähren ist, steht Loujain AlHathloul in der Tradition von Bertha Benz. Als außergewöhnlich charakterstarke Persönlichkeit hat sie sich in herausragender Weise für Werte eingesetzt, die für die Stadt Mannheim in ihrem Selbstverständnis als weltoffene Stadt von besonderer Bedeutung sind“. So steht es in der Verleihungsurkunde, die die Preisträgerin, die saudi-arabische Frauenrechtlerin Loujain AlHathloul heute (20.09.2020) leider nicht persönlich entgegennehmen konnte, da sie seit 2018 in Saudi-Arabien inhaftiert ist. Stellvertretend für sie wurde ihre Schwester Lina zu der Veranstaltung aus Brüssel zugeschaltet. „Zum ersten Mal kann der Preisträgerin den Preis nicht persönlich übergeben werden, was weder an Corona noch am Willen der Preisträgerin liegt, sondern daran, dass sie daran gehindert wird“, erklärte Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz zu Beginn seiner Rede im Rahmen des Festaktes, der – auch das eine Premiere – in einem virtuellen, beziehungsweise im Fernsehformat stattfand und live im Internet übertragen wurde.

        Pionierin und Wegbereiterin für Menschenrechte und Gleichstellung der Geschlechter
        Der Oberbürgermeister bezeichnete die Preisträgerin als Pionierin und Wegbereiterin für Menschenrechte und die Gleichstellung der Geschlechter. Der OB betonte, dass Gleichstellung mit Blick auf die ökonomische, soziale und ökologische Entwicklung unverzichtbar sei und erinnerte an Julia Lanz, Alice Bensheimer, Else Roos-Kocher und nicht zuletzt Bertha Benz, die die Entwicklung der Stadt maßgeblich mitgestaltet hätten. „Bei aller Unterschiedlichkeit ist der Bezug von Loujain AlHathloul zu Bertha Benz mit Händen zu greifen. Die soziale Dimension der Mobilität und ihre gesellschaftliche Bedeutung ist beiden bewusst und beide verbindet die Leidenschaft für Freiheit und Mobilität. Beide haben herrschende Konventionen durchbrochen und teilen das Bewusstsein, dass mutiges und konsequentes Handeln Grenzen überwinden kann. In beiden – so völlig unterschiedlichen – Fällen wird das Automobil Zeichen der Autonomie“, hob der Oberbürgermeister hervor.

        Die Verleihung des Preises sei auch ein konkretes Beispiel für Städtediplomatie. Er betonte die Bedeutung der Städte als Streiter für eine multilaterale Weltordnung und als Akteure der internationalen Zusammenarbeit. Auch die Zusammenarbeit der Stadt Mannheim mit verschiedenen globalen Institutionen der Vereinten Nationen verbinde mit Loujain AlHathloul, die sich im Rahmen globaler Institutionen und für den UN Global Compact engagierte.

        Loujain AlHathloul zahle für ihr Engagement einen hohen Preis, betonte der OB, durch die Einschränkung der eigenen Mobilität, der eigenen Freiheit, der eigenen Rechte, Misshandlung und Folterung. „Mit der heutigen Preisverleihung verbindet sich der nachdrückliche Appell – insbesondere an die deutsche Bundesregierung und den Hohen Vertreter der EU für Außen- und Sicherheitspolitik – sich für eine Verbesserung der Haftbedingungen von Loujain AlHathloul, die unverzügliche Fortsetzung des Verfahrens unter rechtsstaatlichen Mindestanforderungen sowie ihren Freispruch einzusetzen“, machte Dr. Kurz deutlich.

        Unterstützung für die, die Veränderungen bewirken wollen

        Die bekannte Fernsehjournalistin Dunja Hayali betonte in ihrer Laudatio auf die Preisträgerin, dass das Schicksal Loujain AlHathlouls nicht in Vergessenheit geraten dürfe, das Schicksal einer Frau, „die nichts Anderes möchte, als Gerechtigkeit. Die niemandem etwas antat, die lediglich gemeinsam mit den anderen Frauen und Männern in ihrem Land ein freies Leben führen möchte. Davor kann man sich nur verneigen. Ich tue es jedenfalls. Die Stärke dieser Frau zeigt die Schwäche ihres Landes beziehungsweise der Regierung und zerrt diese heute mit ins Scheinwerferlicht“, erklärte Hayali.

        Loujain AlHathloul habe bereits Bedeutsames erreicht, indem sie internationale Aufmerksamkeit auf die Situation der Frauen im Land gelenkt habe. Hayali wies darauf hin, dass kurz nach der Festnahme AlHathlouls die Regierung eine massive Verleumdungskampagne gestartet habe, um die Frauen als “Verräterinnen” darzustellen. „Das Ziel ist klar: Das Vorgehen zielt darauf ab, ihren friedlichen Aktivismus zu unterdrücken, mit dem sie Menschenrechtsverletzungen öffentlich gemacht und angeprangert haben. Diese Täter-Opfer-Umkehr ist billig, und möglicherweise teuer zugleich, denn sie kann Menschenleben kosten. Das Menschenleben der heutigen Preisträgerin“, so Hayali.

        Aber Hayali machte auch deutlich, dass den Menschen, die in einem Land wie Saudi-Arabien versuchten, Veränderungen zu bewirken, nicht mit Arroganz begegnet werden dürfe sondern dass diese Menschen Unterstützung brauchten und diese Unterstützung müsse auch mit Nachdruck auf politischer Eben gespielt werden. Dazu Hayali: „Muss ein Land wie Deutschland, mit dem Vermächtnis unserer Geschichte im Bewusstsein, klare Grenzen ziehen, wenn es um wirtschaftliche Zusammenarbeit mit autoritären und totalitären Systemen geht? Politik, Wirtschaft, Menschenrechte – wie geht das Hand in Hand? Wann ist man bereit, das eine für das andere zu opfern?“

        Veränderung brauche Zeit, insbesondere, wenn sie nachhaltig sein solle, betonte Hayali. Aber es dürfe nicht sein, dass jemand, der in diesem Land Menschenrechte verteidigt, genau dadurch einen Teil seiner eigenen Menschenrechte verliere und die Härte der Behörden zu spüren bekomme.

        Lina AlHathloul betonte im Rahmen einer von Grimme-Preisträger Constantin Schreiber Gesprächsrunde, wie wichtig es sei, immer wieder über das Schicksal Loujain AlHathlouls zu informieren: „Stille hilft nicht. Wir müssen um Hilfe bitten und wir müssen über Loujain sprechen“.

        Loujain Al-Hathloul

        Loujain AlHathloul wurde am 31. Juli 1989 in Saudi-Arabien geboren. Vor einigen Jahren zog sie aus Sicherheitsgründen in die Vereinigten Arabischen Emirate. Sie ist Absolventin der University of British Columbia in Vancouver, Kanada und seit 2012 eine sehr aktive Menschenrechtsaktivistin. Sie verstieß wiederholt gegen das in Saudi-Arabien herrschende Fahrverbot für Frauen und wurde mehrfach – zuletzt im Mai 2018 – inhaftiert. Seitdem verbüßt sie eine Gefängnisstrafe. Ihr Schicksal ist bisher ungeklärt. Diese letzte Verhaftung zusammen mit weiteren Aktivistinnen erfolgte laut Human Rights Watch mit der Begründung des „aufrührerischen Verhaltens“ gegen Kronprinz Mohammed bin Salman, begleitet von einer Kampagne in regierungsnahen Medien. Seither wird ihr jeglicher Kontakt zur Außenwelt verweigert. Bereits 2014 hatte Loujain AlHathloul mit 14.000 weiteren Personen eine Petition unterzeichnet, die die Abschaffung der Vormundschaft für Frauen forderte.

        Der Bertha-und-Carl-Benz-Preis

        Die Stadt Mannheim stiftete 2011 den Bertha-und-Carl-Benz-Preis anlässlich des 125-jährigen Automobiljubiläums. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert und wird alle zwei Jahre verliehen. Als Preisträger kommen Personen, Gruppen und Organisationen in Betracht, die sich um eine bedeutende Verbesserung der „Mobilität“ – insbesondere um eine um-weltgerechtere, sozialere oder einfachere Mobilität – verdient gemacht haben.

        Die Satzung des Preises sieht vor, dass er nicht öffentlich ausgeschrieben, sondern auf Vorschlag des Preisgerichts durch den Gemeinderat zuerkannt wird. 2011 ging der Preis an Shai Agassi für seine Arbeit im Bereich der Elektromobilität, 2013 erhielt Prof. José del. R. Millán für seine Forschung an Brain-Computer-Interfaces zur Steuerung von Mobilitätshilfen für bewegungseingeschränkte Menschen den Preis, 2015 war der dänische Stadtplaner Prof. Dr. Jan Gehl Preisträger. 2017 wurde mit World Bicycle Relief (WBR) erstmals ein Projekt ausgezeichnet, dessen Ziel die Entwicklung und der Verkauf eines robusten Lastenfahrrads ist, mit dessen Hilfe vielen Menschen in Entwicklungsländern ein schnellerer Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung ermöglicht wird.

        Wer die Veranstaltung nicht live verfolgen konnte, kann sie unter https://www.berthaundcarlbenzpreis.de/ ansehen. Die Reden von Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz und die Laudatio von Dunja Hayali, können unter https://www.mannheim.de/de/stadt-gestalten/preise-der-stadt-mannheim/bertha-und-carl-benz-preis nachgelesen werden.
        Quelle Stadt Mannheim / Andreas Henn Fotograf

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